Hochschulpolitik

“Wer sich nicht bewegt, spürt seine eigenen Fesseln nicht”

- Rosa Luxemburg

Hochschulpolitisches Manifest


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Wir, der VSStÖ, fordern eine freie, demokratische und emanzipatorische Hochschule, die allen gleichermaßen zugänglich ist. Es reicht nicht aus, sich nur zu beschweren, ohne etwas verändern zu wollen, weshalb wir uns stetig und aktiv für positive Veränderungen einsetzen. Wir kämpfen für eine fortschrittliche und gleichberechtigte Gesellschaft, wobei wir uns nicht darauf verlassen, dass andere die richtigen Entscheidungen für uns treffen.

„Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft!“ - Antonio Gramsci

Die Zentrale Idee des sozialistischen Bildungsbegriffs ist die Veränderbarkeit und Verbesserung der aktuellen Lebensumstände. Diese sind abhängig von aktuellen gesellschaftspolitischen Wertvorstellungen. Das derzeitig herrschende System, in welchem sich auch unsere Hochschulen befinden, ist keine starre, natürliche Erscheinung, sondern ein Produkt unterdrückender, kapitalistischer und sexistischer Machtverhältnisse, die seit Jahrhunderten reproduziert werden. Geht es um eine Veränderung und gleichzeitige Verbesserung der Umstände, stellt Lernen einen essentiellen Faktor dar. Es beschreibt die Veränderung des Verhaltens, Denkens und Fühlens durch Erfahrungen. Wir sind der Überzeugung, dass die Veränderung dieses zum Scheitern verurteilten Systems durch Bildung erlangt werden kann.

Studiengebühren, Aufnahmetests, Leistungsdruck, Drittmittelfinanzierung, strenge Voraussetzungsketten, unbezahlte Pflichtpraktika, vermehrter Einfluss wirtschaftlicher Faktoren im Bildungssektor, Beschränkung studentischer Mitbestimmung und und und.

Der Einzug neoliberaler sowie neokonservativer Wert- und Weltvorstellungen in die Gestaltung unseres Hochschulwesens stellt uns Studierende vor besondere Herausforderungen. Die vermehrte Ökonomisierung von Bildung widerspricht unseren Bildungsbegriff massiv! Lehre und Forschung müssen, fernab des kapitalistischen Konkurrenzdenkens, zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten und nicht, marktwirtschaftliche Interessen befriedigen.

Unser sozialistisches Grundverständnis strebt nach einer demokratischen Hochschule für alle. Die soziale Herkunft einer Person darf nicht darüber entscheiden, ob sie Bildung genießen darf, es gilt der gesamten Gesellschaft den Zugang zu einem Hochschlstudium zu ermöglichen! Es soll keine Rolle spielen, ob ein Lehrabschluss oder eine Matura vorgewiesen werden kann. Allein das reale Interesse an einem Studium soll den Zugang ermöglichen. Zusätzlich müssen Strukturen und Gremien an Hochschulen so gestaltet sein, dass Studierenden mehr Mitsprachemöglichkeit in der Gestaltung ihres Studiums geboten wird.

Die Finanzierung der Hochschulen ist eine der Kernfragen hochschulpolitischer Debatten. Sieht man sich diese genauer an, wird nämlich deutlich, dass die Zahlen der Studierenden in keiner Relation zu den verfügbaren finanziellen Mittel stehen.

Es muss ein Umdenken in der Gestaltung des Hochschulbudgets stattfinden. Wir fordern eine Ausfinanzierung der Hochschulen mit 2% des BIPs, eine Finanzierung die es ermöglicht auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Standorts, einzugehen, die Orientierung des Personalbedarfs an der Studierendzahl, und die Unterstützung zur Erreichung gesellschaftspolitischer Zielsetzungen (z.B Frauen*förderung, Ökologie und Nachhaltigkeit, sowie Digitalisierungsstand herangezogen) durch das Schaffen von positiven Reizen.

“Es kann doch eh jede_r studieren“ - ein viel gehörter Spruch, der aber gar nicht der Realität entspricht. Vielen bleibt der Weg zu tertiärer Bildung alleine schon aufgrund der finanziellen Situation ihrer Eltern verwehrt und bereits mehr als 60% von uns Studierenden müssen neben dem Studium arbeiten, um das Leben finanzieren zu können. Dieser zusätzliche Aufwand verlängert die Studiendauer und zwingt längerfristig viele dazu, Studiengebühren zahlen zu müssen, oder gar abzubrechen. Wir wollen einen barrierefreien Zugang zu unseren Hochschulen. Ein treffsicheres und lückenloses Beihilfensystem, leistbarer Wohnraum, kostenlose öffentliche Verkehrsmittel, sowie den Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen. Keine Aufnahmetests - keine Studiengebühren.

Unser Hochschulwesen in seiner Gesamtheit ist voll von Barrieren. Diese können sich auf verschiedenste Arten äußern: Sie können finanziell, physisch oder psychisch sein. Wir wollen bedingungslose Barrierefreiheit in Hochschulgebäuden & Studierendenwohnheimen, Lehrveranstaltungen auch für seh- und hörbeeinträchtigte Menschen zugänglich und mit Streams online abrufbar machen, alternative Benotungsformate, mehr Therapieplätze auf Krankenschein &  den Ausbau von Therapiestellen, das Recht auf Pausieren des Studiums ohne Verlust der Beihilfen und ohne Zwang zur Angabe von Gründen sowie die Entstigmatisierung von psychischen und physischen Beeinträchtigungen.

Auch im 21. Jahrhundert sind wir noch weit von völliger und echter Gleichstellung der Geschlechter entfernt. Patriarchale Strukturen sind noch tief in unserer Gesellschaft verankert und schlagen sich in verschiedensten Formen an den Hochschulen nieder. Um diese nachhaltig und langfristig belämpfen zu können gilt es den Kampf gegen reaktionäre Weltbilder auch an den Hochschulen zu führen. Studierende müssen dazu angehalten werden, strukturelle und institutionalisierte Ungerechtigkeiten zu erkennen, und Diskriminierungsformen aller Art zu bekämpfen. Zusätzlich fordern wir verpflichtende Sensibilisierungsschulungen für alle Lehrenden, Aktive Frauen*förderung und Bekämpfung der Leaky Pipeline.

Diskriminierung von queeren Personen und Unwissen über LGBTQIAP+-Themen sind immer noch Alltag. Hochschulen sind kein von der Gesellschaft abgetrennter Raum, sondern immer ein Spiegelbild von ihr. So herrschen immer noch heteronormative Sichtweisen, auch in der Wissenschaft, vor.  Wir fordern eine aktive Auseinandersetzung mit queerpolitischen Themen sowie den Ausbau von Anlaufstellen für alle vom Patriarchat und durch heteronormative Diskriminierung unterdrückten Personen Unterstützung bieten zu können und Unisex-Toiletten an jeder Hochschule.

Die Hochschule muss auf mindestens zwei Ebenen unter der Fragestellung der institutionellen Diskriminierung und des institutionellen Rassismus betrachtet werden: Einerseits innerhalb der Lehrveranstaltungen, andererseits außerhalb von ihnen. Neben der Wissensvermittlung, muss sich die Hochschule auch als einen Ort der Wissensproduktion verstehen, und sich somit auch für die Vertretung und Finanzierung diverser Denker_innen verantwortlich fühlen. Das bedeutet sich von einer eurozentristischen Lehre zu distanzieren und aktiv BIPOC Theoretiker_innen und Forscher_innen eine Plattform zu geben. Das Kurrikulum muss dem Studium entsprechend antirassistisch gestaltet werden, beispielsweise muss sich kritisch mit rassistischen Theoretiker_innen, Forscher_innen und Denker_innen auseinandergesetzt werden. Weiters muss sich eine neue Norm etablieren, in der marginalisierte Perspektiven gleichrangig und nicht als „besondere Zusatzveranstaltung“ zur eurozentrischen Lehre vorgetragen werden. Selbstverständlich müssen rassistische Professor_innen konsequent und sofort entlassen werden. Nicht nur um ihnen das Sprachrohr einer Vorlesung zu nehmen, sondern auch um die Sicherheit und das Wohlbefinden von Studierenden of Colour zu garantieren.

Falls es aber doch zu zu rassistischen übergriffen kommen sollte, muss es eine Anlaufstelle für betroffene geben, z.B. ein Referat für Antirassismus an jeder Hochschule. Außerdem muss es tatsächliche, wirksame Konsequenzen für Rassist_innen geben.

Besonders schwer ist die Situation für Studierende aus Drittstaaten. Durch hohe Kosten für die Deutschkurse und ein sehr anspruchsvolles Sprachniveau wird es fast unmöglich gemacht, ein Studium an einer Hochschule beginnen, weiters kann es zum Verlust des Aufenthaltsstatus kommen. Das Angebot für Drittstaatstudierende muss diverser, finanziell leistbarer und unbürokratischer werden.